Leseprobe Reportage / Portrait Mediaservice Texte
© Birgit Paff Mediaservice 2019
Man sieht nur mit dem Herzen gut Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry schrieb schon 1946 in seinem Buch, Der Kleine Prinz: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar - man sieht nur mit dem Herzen gut." Sicherlich hat der Autor seinerzeit damit nicht das besondere Verständnis zwischen Reiter und Pferd gemeint, doch treffen diese Zeilen unzweifelhaft auf die Schule Oliveira zu. Gonçalo Oliveira hat die Nachfolge seines Großvaters Nuno und seines Vaters João angetreten. Auf dem Reithof des Gestüts ars lusitana hat der 27-jährige Portugiese nicht nur eine Lebensaufgabe, sondern auch eine neue Heimat gefunden. Etwas voreilig und ungestüm galoppiert der junge Hengst in der Reithalle sofort an. Doch der schmalgebaute Mann mit dem kurzen schwarzen Haar beruhigt den 5-jährigen schnell wieder. Ein paar sanfte melodische Pfiffe und der Dunkelschimmel verfällt in einen lockeren Trab. In der linken Hand hält der Mann den langen Zügel, in der rechten die Longierpeitsche, die ruhig hinter der Bewegung des Pferdes schwebt. Langsam dreht sich der Mann auf der Stelle, während sein "Schüler" um ihn herumtrabt. Immer wieder pfeift er seine kurze Melodie, wenn der Junghengst in eine schnellere Gangart zu verfallen droht, so als könne er ahnen, was das Pferd gerade fühlt. Ein kurzer Schnalzer mit der Zunge und der Schimmel bleibt gehorsam stehen. Langsam und ohne hektische Bewegungen wickelt der Mann die Longe in große Schlaufen zusammen und tritt an das Pferd heran. "Gut gemacht mein Freund", lobt der leise den Hengst und gibt ihm eine Belohnung. Nun wartet die nächste Lektion auf den Lusitano-Hengst "Jake". Er soll sich im Schritt, an der Hand seines Herrn gehend, dicht an der Bande entlang auf dem Hufschlag bewegen. Aufmerksam spielen die Ohren des Dunkelgrauen und nur das mahlende Geräusch seiner Zähne auf dem Gebiss deuten Nervosität an. Sein Lehrer führt ihn langsam durch die Halle, die Gerte in seiner rechten Hand lehnt als Richtungshilfe gegen die Flanke. Auch diese Aufgabe absolviert "Jake" zur Zufriedenheit seines Ausbilders, der ihn entsprechend lobt. Als nächstes erfolgt die gleiche Lektion vom Sattel aus. Durch Gewichtsverlagerung dirigiert der Reitmeister den jungen Hengst durch die Prüfung, die Hilfen, die er ihm dabei gibt sind für den außenstehenden Betrachter nahezu unsichtbar. Mir unbewegtem Gesicht sitzt der Reiter voll konzentriert und kerzengerade im Sattel. Man gewinnt den Eindruck, als würden sich Mensch und Tier unhörbar und auf einer anderen Ebene verständigen. "Das ist doch nicht weiter verwunderlich, schließlich habe ich vorher mit Jake gesprochen und ihm genau erklärt, was wir heute machen", sagt Reitmeister Gonçalo Oliveira. Mit seinen erst 27 Jahren praktiziert der Portugiese bereits eine Reitkunst, die ihresgleichen sucht. Begabung sagen die einen, Vererbung die anderen. Großvater: Nuno Oliveira (1989 verstorben), Vater: João Oliveira, Tante: Sue Oliveira, Onkel: Luis Valença - Namen, bei denen das Herz eines jeden kundigen Pferdefreundes höher schlägt. Die Antwort liegt wohl irgendwo in der Mitte. Ohne Zweifel dürfte die Oliveira-Familie ihrem Nachkommen das besondere Verständnis für Pferde und die Begabung mit ihnen umzugehen mit in die Wiege gelegt haben. Doch Zuneigung, Güte, Respekt und Vertrauen sind Eigenschaften, die von Innen heraus kommen. Sie erst schaffen die Grundlage für eine Harmonie zwischen Mensch und Tier. Gonçalo Oliveira wurde 1972 im portugiesischen Avessada, nordöstlich von Lissabon geboren. Er wuchs mit den Pferden Portugals, den Lusitanos auf, und erlernte das Reiten unter Anleitung seines Großvaters und seines Vaters. In Lissabon studierte er Agrarwissenschaften, doch seit 1994 arbeitet er ausschließlich mit Pferden. Heute lebt er bei Baden-Baden, wo seine Lebensgefährtin Kathrin Brunner-Schwer eine Lusitanozucht betreibt. "Anfangs gefiel es mir in Deutschland nicht so gut", erinnert sich Oliveira. "Die Leute sind hier ganz anders als in Portugal, doch inzwischen fühle ich mich sehr wohl." Das Gestüt in Raststatt- Plittersdorf heißt ars lusitana - die "Kunst zu Pferde". Die Zucht wurde im Januar 1998 vom Elsaß an die nordwestlichen Ausläufer des Schwarzwaldes verlegt. "Damals bestand das gesamte 1,2 Hektar große Gelände nur aus Wiesen und einigen Ruinen", erinnert sich Kathrin Brunner-Schwer. Heute stehen dort eine große Reithalle mit Wohnhaus, Koppeln und Stallungen für insgesamt 18 Pferde, ein Anbau soll später dazukommen. Elf eigene Lusitanos stehen dort in den Stallungen, dazu sechs Pferde, die zur Zeit ausgebildet werden. Vier Zuchtstuten und zwei Junghengste sind noch im elsässischen Roppenheim untergebracht. Kein leichter Job für die 42-jährige Züchterin. Doch zwei professionelle Pferdepfleger kümmern sich um die portugiesischen Pferde. Für Petra Steinbrenner und Gunnar Wiedner bedeutet die Arbeit auf ars lusitana allerdings viel mehr Lebensaufgabe als nur ein Job zum Geldverdienen. "Es ist schön hier, ich liebe diese tollen Pferde und es ist immer ein Erlebnis, Gonçalo bei der Arbeit zuzusehen", schwärmt Petra Steinbrenner. Freiwillige Helfer gibt es auch, die für eine Gratisreitstunde gerne kräftig anpacken. Kathrin Brunner-Schwer weiß, dass sie sich auf ihre Mitarbeiter gut verlassen kann. Und das muss sie auch, denn neben dem Gestüt leitet die schlanke Frau mit dem kurzen lockigen schwarzen Haar noch ihre Fernsehproduktionsfirma in Baden-Baden. Eine Doppelbelastung, die sich in einen 14 Stundentag niederschlägt. Die Abende und die Wochenenden gehören ganz den portugiesischen Pferden. Kathrin Brunner-Schwer gibt dann selber Reitunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene. Um alles darüber und vor allem um die Ausbildung der eigenen Pferde kümmert sich Gonçalo Oliveira. Alle zwei Monate bekommen sie noch tatkräftige Unterstützung von Sue Oliveira, Gonçalos Tante. Die 45-jährige Belgierin mit britischer Geburtsstätte fährt das ganze Jahr quer durch Europa und hält Reitkurse ab. Unterricht in der portugiesischen Reitweise ist sehr gefragt und seit bekannt wurde, dass Gonçalo Oliveira auf dem Lusitanohof in Rastatt tätig ist, steht bei ars lusitana das Telefon nicht mehr still. Was ist es, das Besondere, das Einzigartige an der Schule Oliveira? Dafür gibt es viele Antworten, doch niemand könnte es besser erklären, als der Meister selbst: "Es gibt viele Wege, mit Pferden umzugehen und mit ihnen zu arbeiten". Doch an oberster Stelle stünde der Respekt für das Pferd. "Es hat sein eigenes Ich, eigene Gefühle und seine eigene Erinnerung", erläutert Gonçalo Oliveira. Zuerst sollte man ihm in die Augen schauen, mit ihm reden und ihn kennenlernen. Daraus würde gegenseitiges Vertrauen und Verständnis erwachsen. "Jedes Pferd ist bereits ein Kunstwerk", sagt er "und wenn wir es auch bei der Arbeit mit Respekt behandeln, können wir es auf eine höhere Stufe der Kunst stellen." Bestes Beispiel hierfür ist Oliveiras Schimmel "Lidador". Ist er frei in der Halle und sind Zuschauer da, dann zeigt er, was er kann: der Hengst führt völlig alleine den Spanischen Schritt und die Passage vor! Die in Portugal gepflegte Reitweise unterscheidet sich wesentlich von der in Deutschland oder England gebräuchlichen Methode. Sie vertritt eine Philosophie, nach dem der Willen des Pferdes nicht durch den Reiter untergraben wird. Nichts, was das Pferd nicht aus freien Stücken und mit Freude macht, wird sein Reiter je von ihm verlangen. Die portugiesische Art des Reitens entstand durch die tiefe Verehrung für das Pferd, gepaart mit grenzenlosem Respekt für das Geschöpf. Es bedarf einen Menschen mit sensiblem Feingefühl, der seine eigenen Bedürfnisse denen des Pferdes unterordnet. So war der Lusitano stets ein lebendiges Symbol Portugals, das mit seinem Volk durch die Geschichte eng verbunden ist. Die portugiesische Reitkunst, die ihren Ursprung etwa im vierten Jahrtausend vor Christus hat, erhielt ihre besondere Bedeutung bei den kriegerischen Auseinandersetzungen der Iberer und lebte später in den Stierkampfarenen Portugals weiter. Sie bestand aus dem schnellen Wenden auf der Stelle, dem abrupten Losgaloppieren und dem Halten auf den Punkt und entsprechen damit dem natürlichen Verhalten und dem Temperament der Lusitanos. Der Stierkampf, der in Portugal unblutig ist, wird auch heute noch unverändert gepflegt. Im Mittelpunkt steht dabei die Gewandtheit des Pferdes und die Harmonie zwischen ihm und seinem Reiter. Die Kunst der Hohen Schule, dereinst an den Königshäusern praktiziert, findet ihre Fortführung heute in der portugiesischen Reitschule in Lissabon. Respekt und Vertrauen und das besondere Gefühl für Pferde hatte bereits der unvergessene Nuno Oliveira. Auf dem Zuchthof in Plittersdorf steht der heute 14 Jahre alte Lusitano-Hengst " Donizetti" [Foto]. Der Mausfalbe wurde, als er drei Jahre alt war, noch von Nuno Oliveira kurz vor seinem Tod gekauft. Der alte Reitmeister hatte seinerzeit ein gutes Auge beweisen, denn der Hengst hat sich inzwischen prächtig herausgemacht und ist, nicht zuletzt durch seine ungewöhnliche Farbe, eine Augenweide geworden. "Er kann einfach alles", sagt seine heutige Besitzerin, Kathrin Brunner-Schwer, doch beide nehmen gerne noch Unterricht bei Sue oder Gonçalo Oliveira. Ganzer Stolz des Zuchtbetriebes ist der Schimmelhengst "Iberico". Der 9-jährige Lusitano (sein Großvater ist der berühmte "Jaquetao") ist der Veredler von ars lusitana. Der Schimmel mit der langen Mähne geht Passage, Piaffe und kann den Spanischen Trab - sowohl geritten als auch am langen Zügel. Den krassen Kontrast zu ihm bildet der 8-jährige Judas (sprich Dschudasch), ein stattlicher Rappe, besonders gezeichnet durch eine Laune der Natur: während das linke Auge dunkelbraun ist, leuchtet das rechte Auge in einem saphirblau mit weißem Rand. Den Apfelschimmel "Lidador" kaufte Kathrin Brunner-Schwer vor zwei Jahren in Portugal, "Im letzten August habe ich ihn Conçalo geschenkt." Unter der Hand seines Besitzers lernt der heute 7-jährige gerade Piaffe und Passage. "Wenn ich mit ihm gearbeitet habe, bekommt er eine Decke übergelegt", erzählt Gonçalo Oliveira mit einem Lächeln, "und wenn sein Fell trocken ist, dann nimmt er die Decke selber wieder ab und reicht sie mir." Und dann sind da noch der Schimmel "Fandango", der sechsjährige Zögling aus der Zucht (Kathrin Brunner- Schwer: "mein Erstgeborener"), oder das braune Schulpferd Inca, der Araberhengst "Graminho" und die beiden 5-jährigen Schimmel "Miro" und "Mango", sie sind Brüder und jeder nennt sie eigentlich nur "Jake und Elwood", die Blues-Brothers. Beide Schimmel sind erst seit wenigen Wochen im Gestüt. Nach einer Grundausbildung durch Gonçalo Oliveira stehen sie zum Verkauf an. "Leider", bedauert Kathrin Brunner- Schwer. Montags wenn Gonçalo Oliveira "pferdefrei" hat, pflegt er sein anderes Hobby: Minis. Der PS-Fan kann bereits drei flotte Mini-Cooper sein eigen nennen, die in einer Garage auf dem Gelände des Pferdehofes stehen. "In diesem Jahr werde ich mit meinem blauen Mini zur 50 Jahre Mini-Feier in England fahren", erklärt Oliveira, während er sich seine Mini-Mütze zurechtrückt. Was sagt Kathrin Brunner-Schwer zum Hobby ihres Lebensgefährten? "Zu klein, diese Minis, unsere vier Hunde passen da nicht auf einmal ´rein." (…) Autor Birgit Paff Veröffentlicht in PEGASUS 3/99 unter dem Titel: "Nuno Oliveiras Enkel in Deutschland" Foto: Werner Paff

Birgit Paff

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© Birgit Paff Mediaservice 2019
Man sieht nur mit dem Herzen gut Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry schrieb schon 1946 in seinem Buch, Der Kleine Prinz: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar - man sieht nur mit dem Herzen gut." Sicherlich hat der Autor seinerzeit damit nicht das besondere Verständnis zwischen Reiter und Pferd gemeint, doch treffen diese Zeilen unzweifelhaft auf die Schule Oliveira zu. Gonçalo Oliveira hat die Nachfolge seines Großvaters Nuno und seines Vaters João angetreten. Auf dem Reithof des Gestüts ars lusitana hat der 27- jährige Portugiese nicht nur eine Lebensaufgabe, sondern auch eine neue Heimat gefunden. Etwas voreilig und ungestüm galoppiert der junge Hengst in der Reithalle sofort an. Doch der schmalgebaute Mann mit dem kurzen schwarzen Haar beruhigt den 5-jährigen schnell wieder. Ein paar sanfte melodische Pfiffe und der Dunkelschimmel verfällt in einen lockeren Trab. In der linken Hand hält der Mann den langen Zügel, in der rechten die Longierpeitsche, die ruhig hinter der Bewegung des Pferdes schwebt. Langsam dreht sich der Mann auf der Stelle, während sein "Schüler" um ihn herumtrabt. Immer wieder pfeift er seine kurze Melodie, wenn der Junghengst in eine schnellere Gangart zu verfallen droht, so als könne er ahnen, was das Pferd gerade fühlt. Ein kurzer Schnalzer mit der Zunge und der Schimmel bleibt gehorsam stehen. Langsam und ohne hektische Bewegungen wickelt der Mann die Longe in große Schlaufen zusammen und tritt an das Pferd heran. "Gut gemacht mein Freund", lobt der leise den Hengst und gibt ihm eine Belohnung. Nun wartet die nächste Lektion auf den Lusitano-Hengst "Jake". Er soll sich im Schritt, an der Hand seines Herrn gehend, dicht an der Bande entlang auf dem Hufschlag bewegen. Aufmerksam spielen die Ohren des Dunkelgrauen und nur das mahlende Geräusch seiner Zähne auf dem Gebiss deuten Nervosität an. Sein Lehrer führt ihn langsam durch die Halle, die Gerte in seiner rechten Hand lehnt als Richtungshilfe gegen die Flanke. Auch diese Aufgabe absolviert "Jake" zur Zufriedenheit seines Ausbilders, der ihn entsprechend lobt. Als nächstes erfolgt die gleiche Lektion vom Sattel aus. Durch Gewichtsverlagerung dirigiert der Reitmeister den jungen Hengst durch die Prüfung, die Hilfen, die er ihm dabei gibt sind für den außenstehenden Betrachter nahezu unsichtbar. Mir unbewegtem Gesicht sitzt der Reiter voll konzentriert und kerzengerade im Sattel. Man gewinnt den Eindruck, als würden sich Mensch und Tier unhörbar und auf einer anderen Ebene verständigen. "Das ist doch nicht weiter verwunderlich, schließlich habe ich vorher mit Jake gesprochen und ihm genau erklärt, was wir heute machen", sagt Reitmeister Gonçalo Oliveira. Mit seinen erst 27 Jahren praktiziert der Portugiese bereits eine Reitkunst, die ihresgleichen sucht. Begabung sagen die einen, Vererbung die anderen. Großvater: Nuno Oliveira (1989 verstorben), Vater: João Oliveira, Tante: Sue Oliveira, Onkel: Luis Valença - Namen, bei denen das Herz eines jeden kundigen Pferdefreundes höher schlägt. Die Antwort liegt wohl irgendwo in der Mitte. Ohne Zweifel dürfte die Oliveira-Familie ihrem Nachkommen das besondere Verständnis für Pferde und die Begabung mit ihnen umzugehen mit in die Wiege gelegt haben. Doch Zuneigung, Güte, Respekt und Vertrauen sind Eigenschaften, die von Innen heraus kommen. Sie erst schaffen die Grundlage für eine Harmonie zwischen Mensch und Tier. Gonçalo Oliveira wurde 1972 im portugiesischen Avessada, nordöstlich von Lissabon geboren. Er wuchs mit den Pferden Portugals, den Lusitanos auf, und erlernte das Reiten unter Anleitung seines Großvaters und seines Vaters. In Lissabon studierte er Agrarwissenschaften, doch seit 1994 arbeitet er ausschließlich mit Pferden. Heute lebt er bei Baden-Baden, wo seine Lebensgefährtin Kathrin Brunner-Schwer eine Lusitanozucht betreibt. "Anfangs gefiel es mir in Deutschland nicht so gut", erinnert sich Oliveira. "Die Leute sind hier ganz anders als in Portugal, doch inzwischen fühle ich mich sehr wohl." Das Gestüt in Raststatt-Plittersdorf heißt ars lusitana - die "Kunst zu Pferde". Die Zucht wurde im Januar 1998 vom Elsaß an die nordwestlichen Ausläufer des Schwarzwaldes verlegt. "Damals bestand das gesamte 1,2 Hektar große Gelände nur aus Wiesen und einigen Ruinen", erinnert sich Kathrin Brunner-Schwer. Heute stehen dort eine große Reithalle mit Wohnhaus, Koppeln und Stallungen für insgesamt 18 Pferde, ein Anbau soll später dazukommen. Elf eigene Lusitanos stehen dort in den Stallungen, dazu sechs Pferde, die zur Zeit ausgebildet werden. Vier Zuchtstuten und zwei Junghengste sind noch im elsässischen Roppenheim untergebracht. Kein leichter Job für die 42-jährige Züchterin. Doch zwei professionelle Pferdepfleger kümmern sich um die portugiesischen Pferde. Für Petra Steinbrenner und Gunnar Wiedner bedeutet die Arbeit auf ars lusitana allerdings viel mehr Lebensaufgabe als nur ein Job zum Geldverdienen. "Es ist schön hier, ich liebe diese tollen Pferde und es ist immer ein Erlebnis, Gonçalo bei der Arbeit zuzusehen", schwärmt Petra Steinbrenner. Freiwillige Helfer gibt es auch, die für eine Gratisreitstunde gerne kräftig anpacken. Kathrin Brunner-Schwer weiß, dass sie sich auf ihre Mitarbeiter gut verlassen kann. Und das muss sie auch, denn neben dem Gestüt leitet die schlanke Frau mit dem kurzen lockigen schwarzen Haar noch ihre Fernsehproduktionsfirma in Baden-Baden. Eine Doppelbelastung, die sich in einen 14 Stundentag niederschlägt. Die Abende und die Wochenenden gehören ganz den portugiesischen Pferden. Kathrin Brunner-Schwer gibt dann selber Reitunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene. Um alles darüber und vor allem um die Ausbildung der eigenen Pferde kümmert sich Gonçalo Oliveira. Alle zwei Monate bekommen sie noch tatkräftige Unterstützung von Sue Oliveira, Gonçalos Tante. Die 45-jährige Belgierin mit britischer Geburtsstätte fährt das ganze Jahr quer durch Europa und hält Reitkurse ab. Unterricht in der portugiesischen Reitweise ist sehr gefragt und seit bekannt wurde, dass Gonçalo Oliveira auf dem Lusitanohof in Rastatt tätig ist, steht bei ars lusitana das Telefon nicht mehr still. Was ist es, das Besondere, das Einzigartige an der Schule Oliveira? Dafür gibt es viele Antworten, doch niemand könnte es besser erklären, als der Meister selbst: "Es gibt viele Wege, mit Pferden umzugehen und mit ihnen zu arbeiten". Doch an oberster Stelle stünde der Respekt für das Pferd. "Es hat sein eigenes Ich, eigene Gefühle und seine eigene Erinnerung", erläutert Gonçalo Oliveira. Zuerst sollte man ihm in die Augen schauen, mit ihm reden und ihn kennenlernen. Daraus würde gegenseitiges Vertrauen und Verständnis erwachsen. "Jedes Pferd ist bereits ein Kunstwerk", sagt er "und wenn wir es auch bei der Arbeit mit Respekt behandeln, können wir es auf eine höhere Stufe der Kunst stellen." Bestes Beispiel hierfür ist Oliveiras Schimmel "Lidador". Ist er frei in der Halle und sind Zuschauer da, dann zeigt er, was er kann: der Hengst führt völlig alleine den Spanischen Schritt und die Passage vor! Die in Portugal gepflegte Reitweise unterscheidet sich wesentlich von der in Deutschland oder England gebräuchlichen Methode. Sie vertritt eine Philosophie, nach dem der Willen des Pferdes nicht durch den Reiter untergraben wird. Nichts, was das Pferd nicht aus freien Stücken und mit Freude macht, wird sein Reiter je von ihm verlangen. Die portugiesische Art des Reitens entstand durch die tiefe Verehrung für das Pferd, gepaart mit grenzenlosem Respekt für das Geschöpf. Es bedarf einen Menschen mit sensiblem Feingefühl, der seine eigenen Bedürfnisse denen des Pferdes unterordnet. So war der Lusitano stets ein lebendiges Symbol Portugals, das mit seinem Volk durch die Geschichte eng verbunden ist. Die portugiesische Reitkunst, die ihren Ursprung etwa im vierten Jahrtausend vor Christus hat, erhielt ihre besondere Bedeutung bei den kriegerischen Auseinandersetzungen der Iberer und lebte später in den Stierkampfarenen Portugals weiter. Sie bestand aus dem schnellen Wenden auf der Stelle, dem abrupten Losgaloppieren und dem Halten auf den Punkt und entsprechen damit dem natürlichen Verhalten und dem Temperament der Lusitanos. Der Stierkampf, der in Portugal unblutig ist, wird auch heute noch unverändert gepflegt. Im Mittelpunkt steht dabei die Gewandtheit des Pferdes und die Harmonie zwischen ihm und seinem Reiter. Die Kunst der Hohen Schule, dereinst an den Königshäusern praktiziert, findet ihre Fortführung heute in der portugiesischen Reitschule in Lissabon. Respekt und Vertrauen und das besondere Gefühl für Pferde hatte bereits der unvergessene Nuno Oliveira. Auf dem Zuchthof in Plittersdorf steht der heute 14 Jahre alte Lusitano-Hengst " Donizetti" [Foto]. Der Mausfalbe wurde, als er drei Jahre alt war, noch von Nuno Oliveira kurz vor seinem Tod gekauft. Der alte Reitmeister hatte seinerzeit ein gutes Auge beweisen, denn der Hengst hat sich inzwischen prächtig herausgemacht und ist, nicht zuletzt durch seine ungewöhnliche Farbe, eine Augenweide geworden. "Er kann einfach alles", sagt seine heutige Besitzerin, Kathrin Brunner- Schwer, doch beide nehmen gerne noch Unterricht bei Sue oder Gonçalo Oliveira. Ganzer Stolz des Zuchtbetriebes ist der Schimmelhengst "Iberico". Der 9-jährige Lusitano (sein Großvater ist der berühmte "Jaquetao") ist der Veredler von ars lusitana. Der Schimmel mit der langen Mähne geht Passage, Piaffe und kann den Spanischen Trab - sowohl geritten als auch am langen Zügel. Den krassen Kontrast zu ihm bildet der 8-jährige Judas (sprich Dschudasch), ein stattlicher Rappe, besonders gezeichnet durch eine Laune der Natur: während das linke Auge dunkelbraun ist, leuchtet das rechte Auge in einem saphirblau mit weißem Rand. Den Apfelschimmel "Lidador" kaufte Kathrin Brunner-Schwer vor zwei Jahren in Portugal, "Im letzten August habe ich ihn Conçalo geschenkt." Unter der Hand seines Besitzers lernt der heute 7- jährige gerade Piaffe und Passage. "Wenn ich mit ihm gearbeitet habe, bekommt er eine Decke übergelegt", erzählt Gonçalo Oliveira mit einem Lächeln, "und wenn sein Fell trocken ist, dann nimmt er die Decke selber wieder ab und reicht sie mir." Und dann sind da noch der Schimmel "Fandango", der sechsjährige Zögling aus der Zucht (Kathrin Brunner-Schwer: "mein Erstgeborener"), oder das braune Schulpferd Inca, der Araberhengst "Graminho" und die beiden 5-jährigen Schimmel "Miro" und "Mango", sie sind Brüder und jeder nennt sie eigentlich nur "Jake und Elwood", die Blues-Brothers. Beide Schimmel sind erst seit wenigen Wochen im Gestüt. Nach einer Grundausbildung durch Gonçalo Oliveira stehen sie zum Verkauf an. "Leider", bedauert Kathrin Brunner-Schwer. Montags wenn Gonçalo Oliveira "pferdefrei" hat, pflegt er sein anderes Hobby: Minis. Der PS-Fan kann bereits drei flotte Mini- Cooper sein eigen nennen, die in einer Garage auf dem Gelände des Pferdehofes stehen. "In diesem Jahr werde ich mit meinem blauen Mini zur 50 Jahre Mini-Feier in England fahren", erklärt Oliveira, während er sich seine Mini-Mütze zurechtrückt. Was sagt Kathrin Brunner-Schwer zum Hobby ihres Lebensgefährten? "Zu klein, diese Minis, unsere vier Hunde passen da nicht auf einmal ´rein." (…) Autor Birgit Paff Veröffentlicht in PEGASUS 3/99 unter dem Titel: "Nuno Oliveiras Enkel in Deutschland" Foto: Werner Paff

Birgit Paff

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